Keiner der 49.000 Zuschauer hätte am 8. November 2009 in der AWD-Arena in Hannover daran gedacht, dass es die letzten 90 Minuten für ihren Kapitän Robert Enke (✝32) im Trikot von Hannover 96 wären. Robert Enke gab alles, bis zum Schluss. So wie immer in seiner Karriere, die sowohl privat als auch sportlich von etlichen Tiefschlägen gezeichnet war. Nur drei Tage nach dem Spiel gegen den Hamburger SV setzte der Nationaltorhüter seinem Leben selbst ein Ende – zum Schrecken aller, seiner Familie, seiner Freunde und Teamkollegen und aller Fans. Robert Enke zerbrach am Druck, den er sich selbst auferlegt hatte.

Robert Enke hatte Angst, diesen Schritt zu wagen. Er ließ sich ambulant von Dr. Markser behandeln, lehnte aber eine stationäre Behandlung strikt ab. Zu groß war die Angst, im Fußballgeschäft gebrandmarkt zu werden und gar die Fürsorge für die adoptierte Tochter Leila zu verlieren. Seine Ängste hatte er seiner Ehefrau mitgeteilt, die ihn aber immer wieder aufbaute – Auch nach den sportlichen Rückschlägen in Barcelona und Istanbul und den Verletzungen, die ihn im Kampf um die Nummer Eins im Tor des DFB immer wieder zurück warfen. Bei Enkes Trauerfeier am Sonntag fanden wieder rund 45.000 Zuschauer den Weg in die Hannover AWD-Arena. Aber dieses Mal sahen sie, wie ihr Idol ein letztes Mal den Platz verließ.

Der 32-Jährige litt seit Jahren an Depressionen und versuchte seine Krankheit mit allen Mitteln geheim zu halten, solange geheim zu halten, bis er keine Kraft mehr hatte sein Leben fortzuführen. Am 11.November 2009, auf den Tag genau 14 Jahre nachdem Robert Enke seine Profilaufbahn startete, entschied er sich gegen das Leben und beging Selbstmord.

Genau so ist es auch bei der Krankheit Depression. Vor wenigen Jahren beendete ein junger und überaus talentierter Fußballer seine Karriere mit nur 27 Jahren. Sebastian Deisler, einst als „Basti-Fantasti“ angepriesen und für eine horrende Ablöse von der Berliner Hertha zum großen FC Bayern gewechselt, hielt dem Druck durch die Medien und die Fans, aber vor allem durch sich selbst, nicht mehr stand. Er hing seine Fußballschuhe an den Nagel und verschwand aus der Öffentlichkeit. Auch Gabor Kiraly, heute Torhüter beim Zweitligisten TSV 1860 München, litt an Depressionen. Er wusste nicht recht mit der Verantwortung zwischen den Pfosten, seinen Leistungsschwankungen und seinen Versagensängsten umzugehen. Genau wie Sebastian Deisler suchte auch er Hilfe bei Ärzten und ließ sich behandeln.

Nun, wenige Tage nach dem Freitod des Torhüters, scheinen mehr Menschen über das Gebilde Profifußball nachzudenken. Ist in einer Welt, in der es nur um Erfolg und Geld geht überhaupt noch Platz für Einzelschicksale, für Menschen, die ihr eigenes Leben in den Hintergrund rücken, nur um nicht aufzufallen und zu funktionieren? Immer wieder heißt es „die Profis, die haben nichts zu tun. Kicken ein bisschen und kassieren das große Geld.“ Sicherlich sind Ablösesummen von 94 Millionen Euro angesichts der aktuellen Weltlage nicht gerechtfertigt, aber der Tod von Robert Enke zeigt, dass es kein Leichtes ist, ein Profi zu sein. Im Fußball gibt es Tabuthemen, die seit je her todgeschwiegen werden. Darunter gehört neben Depressionen auch Homosexualität. Es gibt mit großer Sicherheit auch im Fußballgeschäft Spieler, die ihre Homosexualität vor den Mitspielern, dem Trainer und dem Verein, aber vor allem auch vor Fans und der Öffentlichkeit verheimlichen müssen. Zu groß wäre die Gefahr, seine Karriere wegen der ständigen Ängste im Macho-Geschäft Fußball, beenden zu müssen.

Bereits kurz nachdem die schreckliche Nachricht an die Öffentlichkeit geriet, rätselten die Experten über die Hintergründe des Freitodes. Am darauffolgenden Mittwoch erklärte Enkes Ehefrau Teresa auf einer Pressekonferenz in der AWD-Arena den Medien, mit welchen unglaublichen Ängsten ihr verstorbener Ehemann zu kämpfen hatte. Bereits seit 2003 plagten den gebürtigen Jenaer Versagensängste und er litt an schwerwiegenden Depressionen. Aber niemand hielt den erfolgreichen Torhüter für suizidgefährdet, weder seine Frau, noch sein behandelnder Arzt, Dr. Valentin Markser.

Robert Enke war jedoch keiner, der die Mannschaft mit lauten Ansprachen zu motivieren versuchte, oder ein Showman, der auf dem Platz mit einem rosafarbenen Trikot auffiel. Robert Enke war ein ruhiger und sachlicher Profi, der durch seine äußerst sensible Art und seine Persönlichkeit die Sympathie der Fans erlangte. Auch Enkes Ehefrau war immer ein Befürworter von Robert Enkes Haltung zum Sport. "Der Fußball war alles, es war sein Leben, sein Lebenselixier, es war alles. Es hat ihm Halt und Kraft gegeben, die Mannschaft. Als es ihm scheinbar ein bisschen besser ging, in dieser Phase war alles so schön, auch wieder ein Teil der Mannschaft gewesen zu sein. Und das war auch damals in Barcelona, wo er aussortiert wurde, wo er auch krank war. Da hat er dann auch gesagt, es ist so schön, bei der Mannschaft zu sein, mit den Jungs Spaß zu haben. Das Training war für ihn der Halt. Als er jeden Tag dahinfahren konnte, das war für ihn das Wichtigste in dieser Situation, das Training, die Mannschaft."

Auch nach dem Tod seiner Tochter Lara stand der Torhüter nur zwei Tage später wieder zwischen den Pfosten – Im DFB-Pokal gegen Energie Cottbus. Schon damals, in der für Eltern wohl schwierigsten Situation ihres Lebens, setzte sich der 32-Jährige eine Maske auf, hinter der er allen Schmerz und seine tiefe Trauer zu verbergen versuchte. In jenem Spiel führte Enke seine Mannschaft zum Sieg, hielt im Elfmeterschießen einen Strafstoß und sicherte so den Einzug in die nächste Runde. Immer wenn Robert Enke von den Schattenseiten des Lebens getroffen wurde, suchte er seine Ablenkung im Sport. Fußball war sein Leben.

Hannover 96-Präsident Martin Kind sagte in einer bewegenden Andacht: "Robert, du warst eine Nummer Eins im echten Sinne des Wortes." Auch Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, sprach in der Arena: "Die Welt ist nicht im Lot. Wir brauchen doch keine fehlerfreien Roboter. Wir brauchen Menschen mit Ecken und Kanten und mit allen ihren Schwächen und ihren wunderbaren Eigenschaften." Jetzt, knapp eine Woche nach dem tragischen Tod von Nationaltorhüter Robert Enke bleibt vieles zurück. Trauer, Schmerz, eine Leere. Aber vor allem die Erkenntnis, dass Fußball eben nicht alles ist!“

Teresa Enke war sich sicher, dass Robert sein Leiden in den Griff bekommen wird, nicht zuletzt nach dem Tod seiner Tochter Lara, vor drei Jahren. "Wir dachten, wir schaffen alles. Wir dachten, mit Liebe geht das. Aber manchmal schafft man doch nicht alles", sagte Teresa auf der Pressekonferenz. Sie selbst hatte ihn immer unterstützt, saß bei den Heimspielen auf der Tribüne und begleitete ihren Mann zum Training. Gerade in der letzten Zeit, als die Depressionsschübe ihres Mannes wieder akuter wurden, war Teresa eine große Stütze und hatte immer "(…) versucht, für ihn da zu sein, ihm Perspektiven und Hoffnung zu geben. Dass der Fußball nicht alles ist und dass es so viele schöne Dinge im Leben gibt, auf die man sich freuen kann, dass wir uns haben, dass wir Leila haben, dass wir Lara hatten. Das Wichtige war die Perspektive, dass es nichts Auswegloses gibt, dass es für alles eine Lösung gibt, wenn man zusammenhält – und das haben wir gemacht. Ich war immer dabei.“

Robert EnkeWikipedia
Robert Enke
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