Fast drei Stunden lang dreht sich alles um eine der bekanntesten Betrügerinnen der vergangenen Jahre: Am 3. Dezember startet die Dokumentation "You Can See Everything" in den deutschen Kinos. Im Mittelpunkt steht Elizabeth Holmes, die verurteilte Gründerin des Bluttest-Unternehmens Theranos. Filmemacher Nathan Fielder verbrachte mit Elizabeth, ihrem Partner Billy Evans und weiteren Angehörigen die letzten Wochen vor ihrem Haftantritt in einem gemieteten Strandhaus in San Diego. Dort hielten gleich mehrere Kameras den Alltag und lange Gespräche fest. Statt schneller Schnitte oder großer Enthüllungsmomente setzt die Doku vor allem auf ruhige Beobachtungen, lange Unterhaltungen und Nathans skeptische Nachfragen. Trotz der ungewöhnlichen Laufzeit ist die Neugier auf das Werk riesig: Wie die Yorck-Kinogruppe mitteilte, waren die für Mitte November angesetzten Previews in weniger als 30 Minuten ausverkauft.
Auch in den USA sorgt der Film für Aufsehen. Konzertfilme ausgenommen, gelang der Produktion dort der beste Start einer Dokumentation seit Michael Moores "Fahrenheit 9/11" vor mehr als 20 Jahren. Nach zwei Wochenenden hatte "You Can See Everything" in den Vereinigten Staaten bereits mehr als 44 Millionen Euro eingespielt. Laut Variety kostete die Produktion gerade einmal sechs Millionen Euro. Zudem bewerteten 80 Prozent der befragten Kinobesucher die Doku dem Magazin zufolge als "sogar besser als erwartet". Inzwischen wird schon über die Oscars 2027 spekuliert. Der Film könnte nicht nur in der Dokumentarfilm-Sparte, sondern womöglich auch als erste Doku in der Hauptkategorie "Best Picture" berücksichtigt werden. Seinen Reiz bezieht der Film vor allem aus dem direkten Blick auf Elizabeth. Ihre Gestik, Mimik und Körpersprache lassen offen, ob sie sich bewusst inszeniert, an ihre Unschuld glaubt oder ihr Umfeld beeinflusst. Laut Nathan deuteten sogar die Mitglieder der kleinen Filmcrew das Geschehen unterschiedlich.
Gemeinsam mit Lance Oppenheim bekam Nathan in den 34 Tagen vor Elizabeths Haftantritt am 30. Mai 2023 einen außergewöhnlich umfassenden Einblick in ihr Privatleben. Die Kameras liefen in dem Haus nahezu rund um die Uhr und erfassten auch Billy sowie weitere Familienmitglieder. Die Unternehmerin ist Mutter von zwei kleinen Kindern. Billy lernte sie erst kennen, nachdem Theranos zusammengebrochen war. Die gemeinsame Zeit unmittelbar vor ihrer elfjährigen Haftstrafe bildet den persönlichen Kern der Dokumentation. Elizabeth hatte Theranos mit 19 Jahren gegründet und dafür ihr Studium in Stanford abgebrochen. Mit dem Versprechen, komplexe Diagnosen aus wenigen Tropfen Blut zu ermöglichen, wurde sie zum gefeierten Medienstar und galt zeitweise als Milliardärin. Dann flog die Technologie auf und sie wurde wegen Betrugs an Investoren verurteilt. Nathan wollte ursprünglich hinter der Kamera bleiben. Doch weil Elizabeth und Billy ihn beim Dreh immer wieder direkt ansprachen, wurde er Teil des Geschehens. Dabei stellte er den beiden trockene und misstrauische Fragen.
























